Kritik Januar 2010 
 

Solothurner Zeitung / MLZ; 2010-01-04

Gleich zum Auftakt in die Herzen gespielt
Neujahrskonzert Musikalischer Jahresstart mit der Rede des Stadtpräsidenten für einmal am 3. Januar

Statt am zweiten Neujahrstag liessen sich die Solothurnerinnen und Solothurner 2010 einen Tag später mit beschwingter Musik ins neue Jahr begleiten. Unter der Leitung von Patrick Oetterli sangen und spielten sich die Solothurner Vokalisten zusammen mit den «Musici Volanti» am Neujahrskonzert in die Herzen des Publikums.

KATHARINA ARNI-HOWALD

Der Entscheid, etliche Läden der Stadt am Bärzelistag zu öffnen, hinterliess auch beim traditionellen Neujahrskonzert Spuren. Nach 27 Jahren musste dieses erstmals auf den dritten Januar verschoben werden. Dies hinderte allerdings die Freunde der leichten Muse nicht daran, sich gestern bereits früh am Morgen einen Platz im Konzertsaal zu sichern. Mit einem beschwingten Querschnitt durch bekannte Operetten- und Musical-Melodien unter dem Titel «Matinée musicale chez Maxim» war ein gelungener Start ins neue Jahr von Anfang an garantiert.

Ein würdiger Ersatz

Den Auftakt setzten die Solothurner Vokalisten mit Zigeunerweisen aus der «Gräfin Mariza», gefolgt von Ausschnitten aus Franz Lehárs «Lustiger Witwe», der «Fledermaus» von Johann Strauss und dem Musical «My fair Lady». Unterstützt wurden sie von den «Musici Volanti». Die fünf jungen «fliegenden» Berner Berufsmusiker pflegen die Tradition der Wiener Salonmusik und passten mit ihrem Temperament und ihrer Virtuosität ausgezeichnet ins beflügelnde Programm. Glanzlichter setzte die zurzeit am Staatstheater Darmstadt unter Vertrag stehende Baslerin Maria Gessler, die am Musiktheater Biel-Solothurn debütierte und nicht nur durch ihren samtenen Sopran auffiel, sondern auch durch ihre charmante Bühnenpräsenz beeindruckte. Gessler ersetzte die erkrankte Theresa Lehmann.

Auch Patrick Oetterli begeisterte einmal mehr mit seinem kultivierten Bariton und bewies gleichzeitig, zu welchen Höhenflügen die Solothurner Vokalisten fähig sind. Der Chor entstand 1961 auf Anregung der bekannten Gesangspädagogin Hedwig Vonlanthen und des Musikers und Pädagogen Alban Roetschi. Nach einer regen Konzerttätigkeit löste er sich zum Bedauern der solothurnischen Musikszene 1992 auf. 2001 formierte sich der heute über 35-köpfige Chor anlässlich einer Konzertreihe zum 80. Geburtstag von Roetschi neu und ist seither wieder auf Erfolgskurs. Den Solothurner Vokalisten gelang es schliesslich nicht nur, den technisch hochwertigen Hits der Operettenliteratur gerecht zu werden, sondern auch mit modischen Details aus der damaligen Zeit und dem Griff zum Champagnerglas Stimmung zu erzeugen und das Fin de Siècle hochleben zu lassen.

Kurt Fluris Besorgnis übers «Klima»

Wie es zur Tradition des Neujahrs-konzerts gehört, wandte sich auch dieses Jahr Stadtpräsident Kurt Fluri mit einem politischen Rück- und Ausblick ans Publikum. Während er sich einerseits über den leichten Aufwärtstrend in der Wirtschaft freute, zeigte er sich anderseits besorgt über das gegenwärtige politische Klima: «Lange Zeit pflegten wir in den Parlamenten und in der öffentlichen Diskussion eine Politik des Konsenses und der Konkordanz», erinnerte Fluri an bisherige Gegebenheiten. An die Stelle von Anstand, Bescheidenheit, Toleranz und Rücksichtnahme auf Minderheiten seien in jüngster Zeit Masslosigkeit, der Verlust von Loyalität und Unsicherheit getreten. «Die Exzesse der Marktwirtschaft haben uns mehr geschadet als der Sozialismus», prangerte Fluri mit deutlichen Worten die Gier gewisser Wirtschaftskreise an. Schlimm sei, dass diese Mentalität langsam auch auf der kommunalen Ebene Einzug halte, was zur Folge habe, dass immer weniger Leute ihre Freizeit für Diskussionen mit rechthaberischen Egomanen zur Verfügung stellten. «Es ist sehr zu hoffen, dass diese unheilvolle Arena-Mentalität nicht weiter um sich greift.» Noch sei davon im städtischen Gemeinderat nichts zu spüren, aber das Wörtchen «noch» verweise auf eine beunruhigende Tendenz, schloss der Stadtpräsident.

Wie immer lud die Stadt die Besucher im Anschluss an das Konzert in den Kleinen Konzertsaal zu Bürgerwein und Chäschüechli ein.

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Kritiken  Rachmaninov Vesper 2010 

Oltner Tagblatt / MLZ; 2010-03-08

Die Musik des letzten Romantikers
Martinskirche Bern Chor 21 und die

Am Samstagabend kamen die trotz des garstigen Wetters zahlreich erschienenen Zuhörer zu einem Klangerlebnis der besonderen Art, der Ganznächtlichen Vigil von Sergey Rachmaninov (1873 - 1943). Rachmaninov, der vor allem für seine Klavierwerke bekannt ist und öfters als der letzte Romantiker bezeichnet wird, hat die zur Vigil gehörenden 15 Gesänge auf dem Höhepunkt seines Schaffens im Jahr 1915 vertont.

Trudi Stadelmann

Das a-cappella gesungene Werk gehört zu den bedeutendsten und herausragendsten der choralen Sakralmusik. Um dieser schwierigen Aufgabe gerecht zu werden, haben sich der Bern Chor 21 (Leitung Patrick Ryf) und die Solothurner Vokalisten zusammengetan. Beide Chöre haben in den letzten Jahren schon wiederholt auf sich aufmerksam gemacht mit ausgefallenen Programmen. So der im Jahr 2001 gegründete Bern Chor 21 mit Aufführungen von Komponistinnen oder Musik aus allen Himmelsrichtungen (die Programme «Norden», «Osten» und «Süden»). Die Solothurner Vokalisten (gegründet 1961) befassten sich unter anderem mit Werken von Solothurner Komponisten oder einem Oratorium von Carl Rütti und Ulrich Knellwolf «Zu Babel ein Turm».

Und nun wagten sich die beiden Chöre an die Ganznächtliche Vigil, ein Werk, das für die grossen russischen Chöre wie geschaffen ist, für kleine Chöre aber fast nicht zu bewältigen ist. Dies ist denn auch der Grund für die Zusammenarbeit, eine Zusammenarbeit, die sich aber mehr als nur gelohnt hat.

Die Begeisterung der rund 60 Sänger war spürbar

Schon beim ersten Stück «Priiditem poklonímsja» war die Begeisterung der rund 60 Sängerinnen und Sänger zu spüren, die Anspannung vor der Premiere schien wie abgefallen. Obwohl die Martinskirche mit ihrer langen Nachhallzeit besondere Rahmenbedingungen stellt, wussten die beiden Chöre auch mit dieser Schwierigkeit umzugehen.

Im zweiten Stück «Blagosloví, dusché mojá, Gêspoda» wusste die Estin Jane Tikk mit ihrem Alt-Solo zu überzeugen, schön getragen von den beiden Chören. Ihrer klaren Stimme zuhören zu dürfen, war ein wahrer Genuss.

Aber auch der Tenor Sergey Aksenov bewältigte seine Partien mit Bravour. Ein herrliches Zusammenspiel zwischen den Amateursängern und den Solisten, wobei das Wort Amateur nicht abwerten soll, sondern durchaus als Kompliment zu verstehen ist. Der Bass, Ismael Arrêniz, zeigte in wenn auch nur wenigen Einsätzen, welches Stimmformat er aufzuweisen vermag.

Letzter Wunsch konnte nicht erfüllt werden

Im Lied 5 «Nine otpuschtscháeschi» gibt es gegen Ende eine Passage von gesungen Bässen, die zum tiefsten B absteigt. Aber auch diese Schwierigkeit bewältigten die Sänger mit spürbarer Begeisterung. Rachmaninov wünschte übrigens, dass dieses Stück an seiner Beerdigung gesungen werden sollte, ein Wunsch, der leider nicht umgesetzt werden konnte.

Beim Stück 9 «Blagoslovén essí, Gêspodi» zeigte sich das harmonische Nebeneinander der Chöre und des Tenors. Ein grossartiges Mosaik von Tönen begeisterte die Zuhörerschaft.

Ein Höhepunkt war dann das Stück 11, das Magnificat, das spürbar machte, zu welcher Harmonie die beiden Chöre gekommen sind.

Alle 15 Stücke wurden geradezu perfekt vorgetragen und Unsicherheiten, die bei einer solchen Aufführung zu erwarten sind, waren kaum auszumachen und wenn sie denn vorkamen, schmälerten sie den Genuss nicht.

So kam es zum Schluss der Aufführung zu einer mehrminütigen Standing Ovation, in der sich die Begeisterung des Publikums zeigte. Die Chöre verdankten diesen Applaus mit einer Zugabe, dem Stück 6 «Bogorêditse Dévo», das Ave Maria.

Nach der Aufführung zeigte sich denn auch Patrick Ryf, Leiter Bern Chor 21, hochzufrieden. Die harte Probenarbeit, die sich über ein Jahr erstreckte, hat sich mehr als nur gelohnt. Die für die Vigil erstmalige Zusammenarbeit hat in einer Premiere gegipfelt, die alle in Bann gezogen hat. Und wenn diese Chorvereinigung vorerst einmalig gewesen sein dürfte, darf man gespannt darauf sein, was die Chöre in Zukunft planen.

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Klangvolle, harmonische und intensive Osternacht

Die Solothurner

Mit der russischen Kirchenmusik assoziieren wir meist bestimmte Klangvorstellungen: Von abgrundtiefen Bässen getragene, hallige Klänge verbinden sich mit dem Bild prachtvoll geschmückter, weihrauchgeschwängerter orthodoxer Kirchen. Rachmaninovs «Ganznächtliche Vigil» bestätigt durchaus manche derartiger Erwartungen. Sie ist intensiv und klangreich, prachtvoll im harmonischen und vielstimmigen Gewand (vgl. «Sonntag» vom 7. März).

Die Aufführungen der Solothurner Vokalisten und des BernChor21 machen jedoch auch deutlich, wie fein gearbeitet und vielschichtig im Ausdruck diese Musik ist. Die beiden Chöre haben sich gemeinsam dieser sowohl sprachlich wie in der Intonation heiklen Aufgabe zugewandt. Die «Vigil», die der ostkirchlichen Liturgie der österlichen Nacht vor dem Auferstehungsgottesdienst folgt, setzt sich aus fünfzehn Gesängen zusammen, die Lobpreisungen, Marienlob und Auferstehungshymnen vereinigen. Hier hat Rachmaninov 1915 schlichte Chorsätze, dort klangmächtige Halleluja-Rufe gestaltet. Bei allen Grenzen, die sowohl die kirchenslawische Sprache wie die knifflige Intonation setzen, ist das Resultat der Einstudierung bemerkenswert.

Den Chorleitern Patrick Oetterli und Patrick Ryf, ohnehin Musiker, die nicht auf das Erfüllen des Mainstreams konventioneller Chorwerke erpicht sind, gelang es, die Wechsel des Leichtfüssigen mit den Steigerungen des massiven Klangs ausdrucksvoll zu gestalten. Legte Ryf, der die ersten acht Sätze leitete, das Gewicht mehr auf die fast mystisch wirkenden Klangverschmelzungen und auf eher weiche Übergänge, verdeutlichte Oetterli das Stimmengewebe und dessen Durchsichtigkeit. Hier oder dort hätte ein Stück mehr an Raumfülle die Kontrasthaltigkeit dieser Musik weiter unterstrichen, oder hätte eine deutlichere Zeichnung der Schichtungen den Farbenreichtum verstärkt. Hervorzuheben ist indessen die auffallende Intonationssicherheit etwa bei den Oktavenparallelen oder über quer stehenden Ostinati. Mittels einzelner solistischer Einwürfe (Priester: Philipp Schmidlin, Diakon: Ismael Arróniz) wurde der liturgische Kontext verdeutlicht. Die letztlich untergeordneten Soli (Jane Tiik, Alt; Sergey Aksenov, Tenor) gelangen unterschiedlich. Hier wusste vor allem die Estin Tiik durch das Einfliessenlassen einer griechischen Choralmelodie in den Psalm 103 zu bestechen.

Rachmaninovs «Vigil» dürfte sich aufgrund ihrer visionären Klanglandschaft im anspruchsvolleren kirchenmusikalischen Chorrepertoire etablieren. Die Solothurner Vokalisten und der BernChor21 haben in unserer Region hierzu einen wichtigen Impuls geschaffen.

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Sonntag / MLZ; 2010-03-07

Ein Chorwerk von eindrücklicher Tiefe
Die Solothurner Vokalisten und der Bern-Chor 21 präsentieren Sergej Rachmaninovs «Ganznächtliche Vigil» – gestern war Premiere in Olten

Sie haben sich seit Jahren durch eigenwillige und durchdachte Programme hervorgetan, die seit 2001 neu formierten Solothurner Vokalisten unter Patrick Oetterli und der imselben Jahr gegründete Bern-Chor 21 unter Patrick Ryf. Während der Bern-Chor 21 insbesondere mit Werken von Komponistinnen inattraktiven Programmen auf sich aufmerksam machte, etablierten sich die Solothurner Vokalisten vor allem mit geistlichen Werken unterschiedlichster Herkunft. Hier wie dort folgten die Chöre in ihren Inhalten und Konzertformen nicht einem Mainstream, hier wie dort engagierten sich die musikalischen Leiter beispielsweise auch für die jüngere SchweizerMusik. Nun haben sich die beiden Chöre für ein grosses geistliches Chorwerk zusammengefunden, das zu den klanglich reizvollsten, zugleich aber auch zu den anspruchsvollsten in diesem Genre gehört: Sergej Rachmaninovs «Ganznächtliche Vigil» aus dem Jahre 1915. Rachmaninovs österliche Nachtwache vereint wie kaum eine Komposition die Traditionen des russisch-orthodoxen Kirchengesangs miteiner ergreifenden spätromantischen Klangsinnlichkeit.

In Russland bestand zwischen der kirchlichen und der weltlichen Musik über Jahrhunderte ein tief greifender Bruch. Die kirchliche Zensur wachte strikte über die Reinhaltung der Texte und des Musikstils. Darum wandten sich die grossen russischen Komponisten nur sporadisch der Kirchenmusik zu. Zwischen den1880er-Jahren und der Revolution erlebte die kirchliche Gesangskunst aber eine einzigartige künstlerische Öffnung und der Moskauer Synodalchor gleichzeitig eine einzigartige Blüte. In den dreieinhalb Jahrzehnten von 1880 bis zur Revolution schufen zahlreiche Komponisten geistliche Zyklen.

Rachmaninovs Vertonung der «Ganznächtlichen Vigil» (im kirchenslawischen Original «Vsenošcnoe bdenie») galt in Russland sehr schnell als Verwirklichung eines alten Traumes: die Schöpfung eines nationalen Kirchenmusikstils. Selbst die grössten Skeptiker gegenüber der Verweltlichung orthodoxer Gesänge vernahmen in der «Ganznächtlichen Vigil» den Geist und die Stimmung der alten Moskauer Kathedralmusik. Rachmaninov stand bisher vor allem als Pianist und Schöpfer von rauschhafter Klaviermusik buchstäblich im Rampenlicht des europäischen Musiklebens. Nun hatte er sich von der instrumentalen Brillanz abgewandt und dagegen ein Chorwerk von bezwingendem Ausdruck und eindrücklicher Tiefe geschaffen.

Die «Ganznächtliche Vigil», auch das «Grosse Abend- und Morgenlob» genannt, bezeichnet in der russisch-orthodoxen Kirche die Liturgie zur Nachtwache vor den grossen Kirchenfesten, vorab die Osternacht. In der Ostkirchebeginnt die Auferstehungsliturgie am Vorabend mit der Vesper , d.h. mit der neunten Stunde des traditionellen Stundengebets. Sie dauert mit Lesungen, Gebeten, Heiligenlitaneien und eben Gesängen bis zum ersten Morgengebet, der Matutin. Musikalisch umfasst die «Ganznächtliche Vigil» fünfzehn Gesänge. Inhaltlich reichen die Texte von der Schöpfungsgeschichte über den Sündenfall, die Erscheinung Christi auf der Erde bis zur Auferstehungsfeier und schliessen mit einem grossen Marienlob. Rachmaninov greift in seinem einstündigen, bis zu zehnstimmigen Chorwerk auf das teilweise jahrhundertealte orthodoxe Melodiengut zurück. Der Komponist betont hier die Schlichtheit des Chorgesangs und baut dort die Hymnen zu vielstimmigen Klanggebäuden von geballter Kraft aus. Er akzentuiert einerseits den Charakter des faszinierenden altrussischen Kirchengesangs, und trotzdem entsteht eine ganz neue, fast visionäre Klanglandschaft.

Nach der gestrigen Premiere in der Martinskirche Olten folgt heute die Aufführung in der Kirche Amsoldingen (bei Thun). Die nächsten Konzerte: Freitag, 12. März: Französische Kirche Bern (20.15 Uhr); Sonntag, 14. März: Franziskanerkirche Solothurn (17 Uhr); Samstag, 8. Mai: Stadtkirche Biel (20.15 Uhr); Sonntag, 9. Mai: Klosterkirche St. Urban (17 Uhr).

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Zofinger Tagblatt / MLZ; 2010-05-11

Als wäre man in einer anderen Welt
St. Urban Die Sängerinnen und Sänger der beiden Chöre verzauberten das Publikum

Rachmaninovs Opus 37, die «Ganznächtliche Vigil», dargeboten von den Chören Solothurner Vokalisten (Patrick Oetterli) und BernChor21 (Patrick Ryf), begeisterte das Publikum.

renata woll

Man fühlte sich in eine andere Welt versetzt. Alles war Musik, eine Wolke von Wohlklang, auf- und abschwellend, angenehm, beruhigend wie aufwühlend, einfach faszinierend. So könnte man vielleicht die Atmosphäre beschreiben, die die Sänger und Sängerinnen der beiden Chöre in der Klosterkirche St. Urban verbreiteten.

Rachmaninov war zu seinen Lebzeiten ein umstrittener Künstler. In Kreisen von fortschrittlichen Musikern attestierte man ihm das Talent, den «durchschnittlichen Spiessergeschmack» zu treffen. Man verzieh ihm nicht, dass er konsequent an Traditionen festhielt und sich gewissen neuen Strömungen in der Musik verweigerte.

Heute weiss man seine Kompositionen zu schätzen, die Musik des «letzten Spätromantikers», die er grossenteils als Heimweh-Russe im Exil schrieb, einen Teil davon auch in der Schweiz. Als eine seiner Lieblingskompositionen bezeichnete er selbst die «Ganznächtliche Vigil», die Reihe von 15 Vespern, den Stundengebeten der orthodoxen Liturgie. Er wünschte sich sogar die Nr. 5 daraus als Beerdigungsmusik für sich selbst. Der Einsatz von Instrumenten war in der russisch-orthodoxen Liturgie verboten. Es blieb also für Musik nur die menschliche Stimme, solistisch oder chorisch.

Volle Konzentration nötig

Ein Ensemble, das sich des ganzen Werkes, der «Ganznächtlichen Vigil» annimmt, muss nebst guter Intonationssicherheit über eine sehr gute Kondition verfügen, müssen die Leute doch während mehr als einer Stunde ununterbrochen absolut präsent sein, die Spannung voll durchziehen, ohne jegliche instrumentale Stütze.

Offensichtlich stellte dies kein unüberwindbares Problem dar für die Sängerinnen und Sänger der beiden Chöre BernChor21 und Solothurner Vokalisten. Sie zogen das Publikum in ihren Bann mit wunderschönem ausgewogenem Chorklang. Nie bestand die Gefahr eines Übergewichtes der Frauenstimmen. Und die Männer zeigten sich, auch wenn sie nicht ganz das Niveau eines Kosakenchores erreichten, ihrer Aufgabe voll gewachsen, lösten gar zeitweise Staunen aus über die kräftigen tiefen Bässe.

Zarteste Pianostellen

Kurz, man genoss einen ausgewogenen, dynamischen, sehr flexiblen Chorklang. Man genoss zarteste Pianostellen und man schwelgte in Fortissimoklängen, die einem eine Gänsehaut über den Rücken jagen konnten. Die beiden Solisten Sergey Aksenov, Tenor, und Jane Tiik, Alt, hatten in ein paar wenigen Stellen Gelegenheit, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. In der Vesper Nr. 2 erklang die schöne runde Alt-Stimme über einem mehrstimmigen zarten Klangteppich des Chores. Auch der Tenor überzeugte mit kräftiger grosser Stimme.

Die Standing Ovations, die die Solisten, der Chor und ihre Leiter Patrick Oetterli und Patrick Ryf entgegennehmen durften, wurden mit der Wiederholung einer sehr passenden Nummer verdankt: zum Marienmonat Mai und zum Muttertag erklang nochmals die Nr. 6, das wunderschöne Ave Maria.

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Rachmaninows Vesper

Von Mariel Kreis. Aktualisiert am 15.03.2010 

Der BernChor21 sang am Jubiläumskonzert in der Französischen Kirche eine russische Rarität.

Eine knappe Stunde dauert das Konzert in der Französischen Kirche – ungewöhnlich kurz. Und doch hätte es nicht länger sein dürfen. Dirigent Patrik Ryf sagt über die «Ganznächtliche Vigil» von Sergei Rachmaninow: «Da ist kein Platz für ein Vor- und Nachher.» Die Vesper ist sehr anspruchsvoll – für die Zuhörenden und die Sängerinnen und Sänger. Die A-cappella-Vesper des russischen Komponisten wurde 1915 uraufgeführt und stiess auf gewaltige Begeisterung.

In der Folgezeit wurde das Werk aber nur noch selten auf einem Konzertprogramm gefunden – aufgrund der Aufführungsforderungen der Kirchenbehörden, aber auch wegen der ideologischen Ausrichtung des kulturellen Aufbauprozesses in der Sowjetunion. Nur wenige Monate später verliess Rachmaninow Russland. Die Anarchie hatte die brutale und sinnlose Zerstörung aller künstlerischer Organisationen zur Folge. Dadurch wurde Rachmaninow die Hoffnung auf ein normales Leben verwehrt. Seine «Ganznächtliche Vigil» ist als Symbol für die vor der Revolution und dem Kommunismus in den Westen geflohenen Russen in die Geschichte eingegangen. Der von den Solothurner Vokalsolisten verstärkte BernChor21 hat das geschichtlich wie musikalisch aussergewöhnliche Werk für sein Jubiläumskonzert zum zehnjährigen Bestehen gewählt. Den beiden Chören gelang es unter der Leitung von Patrick Ryf und Patrick Oetterli vortrefflich, einen homogenen, raumfüllenden Gesamtklang zu erzeugen. Langsame Tempi sangen die Musizierenden spannungsvoll aus, schnelle schienen nur selten überhetzt. Nur die Solisten liessen einige Wünsche offen: Der Tenor Sergey Aksenov forcierte seine Stimme teilweise zu sehr, das Volumen der Altistin Jane Tiik erlaubte dem Ton nicht, den Bühnenrand zu verlassen.

Der Chor hätte sich kaum mehr zurücknehmen können. Bemerkenswert war der tragfähige und dunkle Bass Ismael Arroniz, der die Stimme des Diakons sang. Vieles wurde richtig gemacht, und doch fehlte dem Konzert der glühende Funke, der den Abend zu einem unvergesslichen Ereignis hätte werden lassen.

 

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